Another Pointless Adventure

Betrachtet man Klettern aus der Ferne, mag es äusserst sinnlos erscheinen. Eine steile Felswand hochzusteigen, um anschliessend wieder irgendwie herunterzukommen. Doch irgendwie scheint es den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Immer mehr Kletterhallen öffnen ihre Tore, die Hütten in den Alpen sind an jedem Wochenende restlos ausgebucht und der SAC verzeichnet so viele Mitglieder wie noch nie.
From a distance, climbing can seem pretty absurd. You climb up a vertical rock face only to somehow find your way back down again. And yet, there’s something about it that seems to resonate perfectly with our times. Climbing gyms are popping up everywhere, mountain huts across the Alps are fully booked almost every weekend, and the Swiss Alpine Club has more members than ever.
Was also geben uns die Berge?
So what exactly are we looking for up there?

Spätestens seit dem Film «Free Solo» wissen sogar unsere Grossmütter, was Klettern ist. Irgendwie hat es sich in der Gesellschaft etabliert. Es ist nicht mehr wie in den 80er-Jahren, als man als Aussteiger und Freak angesehen wurde. Man erntet Ansehen und Beachtung, wenn man im Büro von einem abenteuerlichen Erlebnis des vergangenen Wochenendes erzählt.
Since Free Solo, even our grandmothers have a pretty good idea of what climbing is. It has found its place in mainstream culture. We’re a long way from the 1980s, when being a climber could quickly get you labelled an outsider or a complete nutcase. Today, telling your colleagues about an adventurous weekend in the mountains is more likely to earn you a certain amount of admiration.
Vielleicht liegt es daran, dass in unserer westlichen Welt alles geregelt und vorgeschrieben ist. Alles ist angepasst und der Spielraum wird kleiner und kleiner. In den Bergen hingegen gibt es keine Gesetze. Es ist ein Raum, in dem die Freiheit herrscht und die eigenen Entscheidungen direkte Konsequenzen für die Betroffenen haben. Je wilder die Touren sind, umso komplexer werden die Entscheide. Und genau das ist die Schönheit der Berge. Es ist ein Ort, an dem man ausprobieren kann, an dem man seine Grenzen kennenlernt und wo man noch richtig fühlen kann.
Maybe it’s because, in our Western world, everything is becoming increasingly regulated, structured and standardized. Everything has to fit into a box, and our room to move seems to be getting smaller and smaller.
In the mountains, it’s different. Up there, there aren’t really any rules. It’s a space of freedom where the decisions we make have direct consequences. And the wilder the route, the more complex those decisions become. Maybe that’s exactly what makes the mountains so beautiful: they’re a place where you can still experiment, make mistakes, discover your limits and, above all, really feel things.
Besonders bereichernd sind Orte, an denen man wenig Menschen antrifft.
And it’s even more powerful in places where you hardly meet another soul.

Ein solches Erlebnis konnte ich diesen Sommer zusammen mit Philipp Elsener im schönen Bergell machen. Wir sassen mit unseren Familien auf dem Campingplatz und durchforsteten die Kletterbücher der Region, um eine passende Tour zu finden. Schnell wurden wir fündig. Sciora Dafora mit der imposanten Fuorikante und deren Direkteinstieg. Rund 800 Klettermeter in einer wilden Landschaft und perfektem Granit.
That’s exactly what I experienced this summer in the Bergell with Philipp Elsener. We were camping there with our families, flipping through the local climbing guidebooks in search of a good line. It didn’t take us long to find one: Sciora Dafora, its impressive Fuorikante and the direct start leading into it. Around 800 metres of climbing through wild terrain on perfect granite.
Am nächsten Abend befanden wir uns bereits in der kleinen, aber sehr gemütlichen Sciora-Hütte. KletterInnen hat es keine, alle sind am berühmten Nachbarn, dem Piz Badile.
By the following evening, we were already at the small but welcoming Sciora Hut. Not another climber in sight. Everyone seemed to have chosen its famous neighbour, Piz Badile.
Das Ambiente in der Hütte schleudert einen direkt in die Vergangenheit. Alles ist einfach und rustikal verbaut. Am Esstisch sitzt man ganz eng beieinander und führt Gespräche mit den Menschen, die dieselbe Leidenschaft für die Bergwelt haben.
The atmosphere in the hut takes you straight back a few decades. Everything is simple, rustic, no frills. Around the dinner table, you sit shoulder to shoulder and end up talking with strangers who are there for the same reason you are: a shared love of the mountains.

Am nächsten Morgen um 04.00 Uhr sitzen Philipp und ich alleine im Speisesaal. Eine Laterne spendet etwas Licht, um das Konfibrot zu streichen. Es ist absolut still und man hört durch die Wände ein dumpfes Schnarchen aus dem Schlafraum.
At 4 a.m. the next morning, Philipp and I are alone in the dining room. A small lantern gives us just enough light to spread jam on our bread. Everything is silent, apart from the muffled sound of someone snoring through the dormitory walls.
Kurze Zeit später laufen wir im Licht der Stirnlampen in Richtung Einstieg. Der Weg ist kaum markiert, aber die imposante Kante ragt vor uns in den klaren Sternenhimmel.
A few minutes later, we’re walking towards the start by headlamp. The trail is barely marked, but ahead of us the huge ridge cuts into a clear, star-filled sky.
Als wir am Fusse der Wand stehen, ist es etwas unklar, den genauen Einstieg zu finden. Die Entscheidung, ohne 100 % Sicherheit in eine solch grosse Tour einzusteigen, verlangt immer etwas Mut. Doch genau das ist die Essenz: Man darf sich auf die eigene Intuition verlassen und erhält ein direktes Feedback.
At the bottom of the wall, finding the exact start isn’t obvious. Committing to a route this big without being 100% sure you’re in the right place always takes a little courage.
But that’s also the essence of this kind of adventure: trusting your own intuition and getting immediate feedback.
Die ersten Meter klettern wir noch im Dunkeln. Es weht ein kalter Nordwind. Die Finger sind steif und der Granit ist etwas von Flechten überzogen. Unser Ziel war es, die ersten Längen simultan zu klettern, damit wir schnell vorankommen. In diesem Meer aus Fels ist die Orientierung nicht einfach. Ein gezeichnetes Topo führt uns durch den ersten Teil der Wand.
We climb the first few metres in the dark. A cold northerly wind blows across the wall. Our fingers are stiff and parts of the granite are covered in lichen. Our plan is to simul-climb the first pitches so we can move quickly.
In this ocean of rock, finding the right way isn’t easy. A hand-drawn topo vaguely guides us through the first section of the wall.

Die Sonne beleuchtet die grossen Wände rundherum. Kein Mensch ist zu sehen. Es fühlt sich an wie irgendwo in Patagonien.
Then the sun comes up, lighting the huge faces around us. Not another person in sight. It feels like we could be somewhere in Patagonia.
Im oberen Teil führt die Tour über ausgesetzte Kletterei an der Kante beim Felsabbruch entlang. Die Linie scheint wie gemacht für BergsteigerInnen. Es ist ein reiner Genuss und verlangt dennoch viel Einsatz. Die Kletterstellen sind maximal 6c, aber auch in den leichten Passagen muss man die Füsse ordentlich und präzise auf den Platten platzieren. Die Tour muss oft selbst abgesichert werden, und das geht nur, wenn es der Fels auch zulässt.
Higher up, the route follows exposed climbing along the edge of the ridge, with the void dropping away beside us. A line that feels as though it was made for climbers.
It’s pure pleasure, but it still demands complete focus. The climbing never gets harder than 6c, but even on the easier sections you have to place your feet carefully and precisely on the slabs.
Hunderte von Entscheidungen müssen bis zum Gipfel getroffen werden. Einige sind weniger wichtig und andere sind für das Überleben nötig. Man spürt die Anspannung förmlich, wenn man weit über dem Haken und 500 m über dem Boden steht und sich für links oder rechts entscheiden muss. Wo genau es durchgeht, sagt einem niemand. Einzig und allein die eigene Intuition.
All the way to the summit, there are hundreds of decisions to make. Some are trivial. Others can become vital.
When you’re several metres above your last piece of protection, with 500 metres of air beneath your feet, wondering whether to go left or right, the tension becomes very real. There’s no one there to tell you which way to go. All you have is your intuition.
Kurz nach dem Mittag stehen wir zufrieden auf dem Gipfel der Sciora Dafora. Was für eine Aussicht!
Shortly after midday, we reach the summit of Sciora Dafora. And what a view.
Doch die Tour zeichnet sich nicht nur durch ihren imposanten Aufstieg aus. Der Abstieg soll mindestens ebenso komplex sein. In der Hütte hörten wir Schauergeschichten von BergsteigerInnen, die sich grausam verirrt haben.
But the Fuorikante isn’t only known for its impressive ascent. The way down is at least as complicated. Back at the hut, we’d heard a few less-than-reassuring stories about climbers getting hopelessly lost on the descent.
Am kurzen Seil geht es abkletternd über die exponierte Ostflanke in eine Scharte. Ab da geht es immer wieder hoch und runter. Und man muss im weglosen Gelände schnell vorankommen. Irgendwann vor dem Torre Innominata treffen wir auf eine Route, über die wir noch einige Male abseilen können.
Moving on a short rope, we first downclimb the exposed east ridge to a notch. From there, it’s up, down, then up again. You have to move quickly through terrain with no real trail. Eventually, somewhere before Torre Innominata, we reach a route that allows us to make a series of rappels.
Um 15.00 Uhr sitzen wir mit einem Bier in der Hand auf dem Balkon der Sciora-Hütte und schauen auf die surreale Fuorikante. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als erschöpft nach einem grossen Tag wieder unten zu sein und alles Revue passieren zu lassen.
By 3 p.m., we’re sitting on the balcony of the Sciora Hut, beers in hand, staring back at the almost surreal silhouette of the Fuorikante.
There are few better feelings than being safely back down after a huge day, completely exhausted, looking up at the line and replaying everything that just happened.
Ein sinnloses Abenteuer mehr, aber eines, an das wir uns für den Rest unseres Lebens erinnern werden.
Another perfectly pointless adventure. And one we’ll remember for the rest of our lives.



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